Bekanntgabe der Preisträger*innen des 57. Grimme-Preises — Ein bekannter Bad Honnefer unter den Preisträgern

Sebastian Pufpaff (c) Thomas Scheben

„Das Preisjahr 2021 offenbart einen kreativen Schub und zeigt bemerkenswert, was das Fernsehen der Gegenwart leisten kann. Die Formate, der Einsatz audiovisueller Techniken und die Bandbreite der Dramaturgien sind vielschichtig, aktuell und variationsreich. Bekannte Stereotype werden an vielen Stellen aufgebrochen, gewohnte Pfade verlassen und Bewährtes weiterentwickelt,“ so Grimme-Direktorin Frauke Gerlach.

In der Kategorie Unterhaltung konnten sich erneut Produktionen durchsetzen, die durch ihre Unberechenbarkeit das Publikum überraschen und herausfordern. Über einen Grimme-Preis freuen kann sich.

„Noch nicht Schicht“  von/mit Sebastian Pufpaff (Agentur ZweiR für ZDF/3sat)

Seit dem 25. März 2020 ist Sebastian Pufpaff in seinem selbsterklärten „Homeoffice-Kabarett“ „Noch nicht Schicht“ zu sehen. Mit bislang drei längeren Unterbrechungen läuft die siebenminütige Show an jedem Wochentag um 19:50 Uhr auf 3sat. Weitere Folgen sind laut Sender bis zum 10. Juni geplant. Als direkte Antwort auf den ersten Lockdown konzipiert, sind die Pandemie und ihre Folgen mehr Rahmen als zentrales Thema für Pufpaff. Er nimmt Bezug auf aktuelle Entwicklungen, verbindet sie aber mit persönlichen Anekdoten und Sketchelementen wie etwa dem Ausfüllen eines Fragebogens in Gestalt des Corona-Virus.

Dieses Sitdown- statt Standup-Programm trägt Pufpaff an einem Schreibtisch in scheinbar nüchterner Büroumgebung vor. Der Hintergrund weist jedoch bei genauem Hinsehen eine große Detailfülle mit wechselnden Witznotizen an der Pinnwand („Wildgulasch aufwärmen ist Rehcycling“) und visuellen Running-Gags (Klopapierrollen an der Büropflanze) auf. Pufpaff fungiert neben der Präsentation zugleich als alleiniger Autor, Regie, Kamera und Ton verantwortet sein wichtigster Mitstreiter bei diesem Format, Marcel Behnke.

Herzlichen Glückwunsch !!!


Begründung der Jury

Da hat er ihn nun, den Grimme-Preis. Oder wie Sebastian Pufpaff selbst sagt: den Gimme-Gimme-Gimme-Preis des ABBA-Instituts. Denn natürlich ist auch seine Nominierung schon Stoff in „Noch nicht Schicht“ gewesen – weil alles darin Stoff sein kann. Corona, Querdenken, selbst der „soft close“-Mechanismus von Toiletten: Alles passt rein in diese siebenminütige Wundertüte, die Pufpaff den Tag über für uns füllt. Um 19:50 Uhr packt er sie dann vor laufender Kamera wieder aus, und das Staunen darüber, was in diese televisionäre Wundertüte alles reinpasst, scheint auch ihn selbst immer wieder zu ergreifen.

Es ist letztlich ein Staunen über die Welt, vorgetragen im TV-Homeoffice mit Anzug und Krawatte, ein Work Look gegen den Wahnsinn, der uns täglich niederzuringen droht. Sebastian Pufpaff lacht gegen ihn an und macht das für uns stellvertretend mit. Denn wenn alles zu viel wird, hat Pufpaff immer noch sieben Minuten Zeit, um den Witz im Absurden zu finden und uns damit zu trösten. Jedenfalls bis die „Tagesschau“ anfängt.

Dass es nun seit über einem Jahr diesen Puffer (Pufpaffer?) zwischen uns und den Nachrichten gibt, ist 3sat nicht hoch genug anzurechnen. Klar, sieben Minuten sind nicht das ganz große Stück vom Fernsehkuchen. Aber genau das, zeigt „Noch nicht Schicht“, muss es nicht immer sein. Im Gegenteil, wenn sich das Fernsehen von seinen üblichen Schemata löst, von 30 Minuten Sitcom, 45 Minuten Doku und 90 Minuten Spielfilm, kann eine unglaubliche Freiheit entstehen, in der Form und Inhalt ganz neu zueinander finden.

Vielleicht ist es auch deshalb ein so großer Spaß, wochentags um 19:50 Uhr 3sat einzuschalten: Ausgerechnet in Zeiten größter persönlicher Einschränkungen kann man dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen dabei zusehen, wie es sich ein Stück weit aus seinen selbstauferlegten Formatfesseln freikämpft. Ob der Kampf nach Corona weitergeht? Man kann es nur hoffen. Gerüchteweise ist ja noch nicht Schicht.

Quelle: Grimme-Preis

11.05.2021